Politiker*innen zum Zuhören verdammt – alle waren begeistert

Jugend-Diskussionsveranstaltung „Fishbowl einmal anders“ im Wasserturm

Eine große Fishbowl-Runde in der Diskussion
Diskussionsszene „Fishbowl einmal anders“

Beteiligte Jugendgruppen waren: AStA der Leuphana, DGB-Jugend, SJD-Die Falken, An Schulen gegen Rechtsextremismus, Studies gegen Rechts, Klimaentscheid, JANUN Lüneburg, Stadtschülerrat Lüneburg, Kreisschülerrat Lüneburg und Stadtjugendring

Am Montag, den 17. Februar 2025, fand im Wasserturm die einzige Wahlinformations- und -diskussionsveranstaltung für Kinder und Jugendliche außerhalb von Schule in Lüneburg statt. Der Veranstaltungsraum war mit rund 75 Besucherinnen voll besetzt. Und eine Überraschung: Die eingeladenen Politikerinnen sollten vor allem zuhören und das, was sie gehört hatten, wiedergeben. Zusätzlich sollten sie eine Verpflichtung gegenüber den diskutierenden Jugendlichen abgeben, für was sie sich in Berlin einsetzen würden.

Gekommen waren Julia Verlinden (MdB Bündnis 90/Die Grünen), Jakob Blankenburg (MdB SPD), Thorben Peters (in Vertretung der Kandidatin Marianne Esders, Die Linke), Cornelius Grimm (Kandidat für die FDP), sowie Nico Abraham (Kandidat für Volt). Der Kandidat der CDU, Marco Schulze, war terminlich verhindert.
Zudem kamen elf jugendliche Expert*innen zu vier ausgewählten Themenbereichen:

  1. Umwelt/Klima,
  2. Antifaschismus/Gegen Rechtsextremismus,
  3. Kinder- und Jugendpartizipation/Ehrenamt und
  4. Schule/Studium/Infrastruktur

Die Moderation übernahm wegen eines Krankheitsfalls ganz kurzfristig: Timo Beckmann, Lehrender an der Leuphana Universität Lüneburg.

Die Überraschung für die Bundestagskandidatinnen war: Die Politikerinnen saßen, anders als im klassischen Fishbowl-Format, diesmal nicht im Innenkreis, sondern als Zuhörerinnen im Außenkreis. Die elf diskutierenden Jugendlichen richteten ihre Diskussionsbeiträge und Forderungen an das Publikum, das aus Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und insbesondere eben auch den Politikerinnen bestand.
Das „aktive Zuhören“ der Politikerinnen wurde zum einen durch die Möglichkeit unterstützt, sich auf einen leeren Stuhl im inneren Kreis zu setzen und eine Frage zu stellen – aber auch durch Antwortbögen, die die Politikerinnen während der Veranstaltung ausfüllen sollten.
Dort wurde zum Beispiel gefragt: „Was nehme ich aus der heutigen Veranstaltung mit nach Berlin?“ oder auch, wozu sich die Kandidat*innen den Jugendlichen gegenüber verpflichten, in Berlin voranzutreiben.

Die Forderungen der Jugendlichen an die Politik bestanden darin, den Klimaschutz, als Grundlage unseres Lebens auf der Erde, ihrem politischen Handeln voran zu stellen. Aber auch die Forderung nach mehr politischer Bildung und einer radikalen Erneuerung des Schulsystems wurden nachdrücklich formuliert.
Kinder- und Jugendpartizipation dürfe nicht zu einem Instrument von „Fake-Partizipation“ ohne Auswirkungen auf das politische Handeln verkommen. Dies löse nur Frustration bei den Kindern und Jugendlichen aus. Es werde mehr Selbstwirksamkeit für eine funktionierende Demokratie gebraucht, als weniger. Hannah Spittler vom AStA beschreibt das so: „Ich werde irgendwo eingeladen, dann darf ich ein bisschen was sagen. Dann ist das immer schön und nett: Ein junger Mensch, der sich engagiert, «ach wie toll». Und dann geht das aber hier rein und da raus und das war’s!“
Auch Schule stehe nicht für ein demokratisches und partizipatives System, sagt eine Jugendliche, da hier die Lehrerinnen und Schulleiterinnen die Entscheidungen treffen, nicht die Schüler*innen. Eine weitere Jugendliche beschreibt dieses Problem, dass „damit das Problem schon beginnt: dass (…) wir in der Schule lernen sollen, wie Demokratie funktioniert, aber wir leben die Demokratie nicht so wirklich.“

Den Aspekt der Frustration illustriert Karla Bauszus –aktiv zum Beispiel im Klimaentscheid Lüneburg– eindrücklich: „Viele Menschen werden immer frustrierter – der Klimaentscheid wird so oft gelobt, wie konstruktiv wir unterwegs sind, aber: Wenn aus Konstruktivität keine Konsequenzen gezogen werden, dann verlieren wir unsere Ressourcen und damit unsere Lebensgrundlagen.“ Hannah unterstützt: „Es sind so viele Menschen auf die Straße gegangen. Fridays for Future hat tausende von jungen Menschen mobilisiert. Und es ist so wenig im Vergleich passiert. Das fühlt sich als junger Mensch krass frustrierend an.“

Auch ein wichtiges Thema war der von den Jugendlichen so wahrgenommene Rechtsruck in der Gesellschaft. Eine Jugendliche nimmt eine stark verengte Diskussion wahr: Es gab einige Anschläge, wie den in Aschaffenburg oder jüngst in München. Das sei tragisch und erschütternd! Und plötzlich würde nicht mehr über die eigentlichen Probleme gesprochen, sondern alles nur auf der Folie eines „Migrationsproblems“ abgebildet. Sie sagt in die Runde: „Andere Sachen passieren auch und es kann nicht sein, dass nur, weil man nicht aus Deutschland ist, (…) alle in die gleiche Schublade gepackt werden.“

Die Antwortbögen stellten die Politiker*innen den Zuhörenden am Ende der Fishbowl vor.
So verpflichtet sich beispielsweise der Kandidat der Volt-Partei, Nico Abraham, sich „für ein Verbot der AfD stark zu machen“ und Cornelius Grimm macht sich zur Aufgabe, sich für mehr „Klimaschutz, Bildung und Teilhabe für junge Menschen“ einzusetzen.

Dieses neue Diskussionsformat des Stadtjugendrings wurde umfassend von allen beteiligten Jugendlichen und insbesondere auch von den Politikerinnen der Runde sehr gelobt. Es eröffne besondere Chancen des intensiven, öffentlichen Austauschs zwischen engagierten Jugendlichen, den Zuhörerinnen aber eben auch gegenüber Entscheidungsträger*innen in der Politik.
Julia Verlinden resümiert: „Ich fand das Format sehr anders und vor allem aber auch sehr gut! Also Danke dafür, dass ich eine gute Stunde zuhören durfte. Denn in der Tat: Diese Formate haben wir jetzt in den letzten Wochen und Monaten sonst so nicht gehabt.“

Alle Antwortbögen, Audio-Eindrücke und Fotos der Veranstaltung findet Ihr weiter unten:

Themenblock 1: Klima / Umwelt

Themenblock 2: Gegen Rechts / Antifaschismus

Themenblock 3: Kinder- und Jugendpartizipation / Ehrenamt (mit Audioausfällen!!!)

Themenblock 4: Schule / Studium / Infrastruktur

Resümée der Bundestagskandidat*innen nach der Fishbowl-Diskussion

Die Ganze Veranstaltungen (mit Audioausfällen) sonst nahezu ungeschnitten (1:39:53):